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Studentenheim-Kost zu „tierisch“Drucken

Speiseplan-Check | HOLLABRUNN / Experten sehen Verbesserungspotenzial. Haus-Chef Karl Schörg kennt die Kehrseite.

Von Christoph Reiterer

Zu dicke, immer unbeweglichere Kinder. Schlechte, unausgewogene Ernährung. Erst vor einem Monat hat die Weltgesundheitsorganisation WHO Alarm geschlagen. Nach einer Studie an Wiener Schulkindern hat das Österreichische Akademische Institut für Ernährungsmedizin (ÖAIE) konkrete Maßnahmen der Regierung gefordert, um die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen zu senken. Die NÖN wollte in diesem Zusammenhang wissen, wie es um die Ernährung im Hollabrunner Studentenheim bestellt ist, wo die Küche nicht nur Schüler und Lehrer, sondern auch Essen auf Rädern, Hotel- und Seminargäste sowie die Kindergärten der Stadt bekocht.

Drei Ernährungsexperten aus Hollabrunn wurden die Speisepläne der letzten beiden Oktober-Wochen vorgelegt. Sie nahmen Stellung, was sie davon halten und worauf allgemein achtgegeben werden muss.

Es kommt auch auf die verwendeten Zutaten an

„Prima vista entsteht der Eindruck, dass tierische Lebensmittel mit hoher Frequenz, ein hoher Fettanteil und ein zu wenig an pflanzlichen Lebensmitteln die Speisepläne prägen. Hier gibt es sicherlich Möglichkeiten zur Optimierung“, meint Ernährungswissenschafter Andreas Bratusch.

Mediziner Gunther Leeb (SportMedCenter Hollabrunn) räumt ein, dass es schwierig sei, nur aufgrund von Speiseplänen ein Urteil über die ernährungsmedizinische Wertigkeit von Speisen abzugeben. Es komme nämlich auch sehr auf die Zubereitung sowie auf die verwendeten Zutaten beim Kochen an, „zum Beispiel die Art der verwendeten Fette, die Qualität und vor allem den Fettgehalt der Wurst- und Fleischspeisen“.

Frittiert & überbacken: „Problematisch“ 

Grundsätzlich positiv sei die Möglichkeit, zwischen zwei Mittagshauptspeisen wählen zu können, so Leeb. „Problematisch sehe ich die doch sehr häufig frittierten und überbackenen Zubereitungsarten, da dies den Fettgehalt der Speisen drastisch erhöht.“ Weiters sei anzumerken, dass das Abendessen insgesamt doch sehr fleischlastig sei und wenig frisches Gemüse dazu angeboten werde.

Etwas drastischer drückt es Arnold Ehrenfeld, Ernährungsberater in Sonnberg, aus: „Es ist ein Wunder, dass die Jugendlichen nicht gackernd und grunzend durch die Gegend laufen. Man könnte meinen, der Speiseplan ist von der Fleischindustrie verfasst worden, wobei das Studentenheim nicht die einzige öffentliche Einrichtung ist, die solche ungesunde Kost offeriert.“

Eine Veränderung könne aber nicht per Befehl eingeführt werden – „es ist ein Prozess der Bewusstseinsbildung und braucht Zeit und alle Beteiligten am Tisch“, sagt Ehrenfeld, der sich als Trainer, Coach und Ernährungsberater gerne zu Verfügung stellen würde, denn „kritisieren ist leicht“.

Umstellung auf Naturküche ist ein zweischneidiges Schwert

Studentenheim-Leiter Karl Schörg befasst sich längst mit der Thematik. Es gebe laufend Rückmeldungen. „Wir versuchen, Anliegen sofort umzusetzen.“ Zweimal jährlich gibt es informelle Treffen mit den Kindergartenpädagoginnen.

Eine Umstellung der Kost auf Naturküche sei allerdings ein zweischneidiges Schwert. Schon in Akademie-Zeiten sei alles versucht worden, sogar eine Diät-Assistentin war im Studentenheim beschäftigt. Mit der Konsequenz, dass sich Ströme von Jugendlichen in Richtung Fast-Food-Restaurant bewegten und sich nachts die Pizzakartons in den Zimmern stapelten, wie Schörg schildert.

Natürlich seien die Mahlzeiten bei 600 bis 700 Portionen eine logistische Herausforderung und es sei nicht möglich, noch mehr verschiedene Menüs anzubieten. Für Anregungen zeigt sich der Studentenheim-Chef dennoch offen: „Wir bemühen uns, auf alles Aktuelle Rücksicht zu nehmen.“

ZITIERT:

„Wir leben glücklicherweise in einem Land und zu einer Zeit, wo es an Nahrung nicht mangelt. Allerdings sind Nahrungsmitteln nicht unbedingt mit Lebensmitteln gleichzusetzen. Den Unterschied kennen wir seit über 70 Jahren durch Arbeiten von Prof. Kollath.“ 

Arnold Ehrenfeld, wegedergesundheit.com, Sonnberg

„Prinzipiell sollte eine gesunde Ernährung einen hohen Anteil (ca. 50% der Nährstoffzufuhr) an komplexen Kohlenhydraten (wie Reis, Nudeln, Kartoffeln), sowie einen möglichst geringen Anteil an Fett aufweisen. Diese Fette sollten v.a. pflanzlichen Ursprungs (ungesättigte Fettsäuren) sein. Der Fleisch- und Wurstanteil sollte daher möglichst fettarm gehalten werden, womit auch die Zufuhr von biologisch hochwertigem Eiweiß gewährleistet wird. Weiters äußerst wichtig ist die Zufuhr von Vitaminen und Mineralstoffen, was v.a. durch den Verzehr von unbehandeltem (ungekochtem) Obst und Gemüse erfolgen sollte (Salate als Beilage, Obst als Nachspeise).

Gunther Leeb, SportMedCenter Hollabrunn

„Wird fleischlos gekocht, drehen 95 Prozent der anderen Schüler durch.“

Patrik Schuch, Leiter des Fußball-Nachwuchsleistungszentrums

„Ich will das Thema nicht abschieben, aber es ist ganz schwer, die in der Familie entstandenen Ernährungsfehler umzudrehen, wenn die Kinder mit 14 zu uns kommen.“

Karl Schörg, Leiter des Hollabrunner Studentenheimes

 

Quelle:

http://www.noen.at/lokales/noe-uebersicht/hollabrunn/aktuell/Studentenheim-Kost-zu-tierisch;art2563,493072

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